Interview mit Dr. Mario Sofroniou – Warum Allgemeinmedizin in Deutschland?

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Dr. Mario Sofroniou Facharzt für Allgemeinmedizin aus Großbritannien

"Die Allgemeinmedizin bot mir die perfekte Kombination von Eigenschaften, die in meiner Karriere als Chirurg fehlten: Flexibilität, Fachgebietsbreite, Einbezug von Patienten, Vorreiter bei Pharmakotherapien sowie Management und andere Rollen."

Dr. Mario Sofroniou – Allgemeinmediziner aus Großbritannien

Möchten Sie sich kurz vorstellen?

Ich bin ein Allgemeinmediziner aus Großbritannien.
2003 habe ich mein Medizinstudium an der University of Wales, Cardiff abgeschlossen, und habe seitdem 18 Jahre Erfahrung in verschiedenen medizinischen Disziplinen in ganz Großbritannien sammeln dürfen.

Ich war unter anderem Oberarzt in einer HNO Klinik, die auf onkologische Chirurgie spezialisiert war. 2008 wechselte ich meine Karriere und begann eine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner.

Warum haben Sie sich für eine Karriere als Allgemeinmediziner entschieden?

Die Allgemeinmedizin bot mir die perfekte Kombination dieser Eigenschaften, die in meiner Karriere bisher fehlten:

    • Flexibilität: Die Fähigkeit, meinen Arbeitsablauf, meine Arbeitszeiten und meinen geografischen Arbeitsort zu kontrollieren, was für ein erfülltes Familienleben und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wichtig ist, der sogenannte „Work-Life Balance“.
    • Fachgebietsbreite: Kein anderes Fachgebiet bietet ein so breites Spektrum von Tätigkeiten wie die Allgemeinmedizin. Dabei ist eine Tiefe an Kenntnissen erforderlich, die in den vielen Fällen derjenigen organspezifischen Fachärzte entspricht. Dies ist wichtig, um unsere „Gatekeeper-Rolle“ zu erfüllen und die Arbeitsbelastung unserer Krankenhäuser zu verringern. Dazu möchte ich erwähnen, dass es in Großbritannien keine niedergelassenen Spezialisten gibt. Diese arbeiten ausschließlich in den Krankenhäusern mit angeschlossenen Ambulatorien. Zunehmend besteht sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien die Möglichkeit, sich auch in der Allgemeinmedizin zu spezialisieren. In Großbritannien nennen wir diese Rolle einen „GPwSI“, GP with Specialist Interest (GP ist eine General Practitioner, Allgemeinarzt), der durchaus mit Oberärzten, zum Beispiel, eine dermatologische Abteilung oder eine Notaufnahme leitet.
    • Pharmakotherapien: Als Allgemeinmediziner hatte ich auch das Gefühl, im Umgang mit meinen Patienten mehr therapeutische Werkzeuge zur Verfügung zu haben. So viele kurz- und langfristige Erkrankungen werden heute erfolgreich mit Pharmaka behandelt. Ein Beispiel hierfür ist die Behandlung von Magengeschwüren mit Protonenpumpenhemmern, wodurch sich eine komplizierte Vagotomieoperation, die vor 30 Jahren notwendig war, erübrigt.
    • Einbeziehung von Patienten: Ich genieße die Interaktion zwischen Arzt und Patient als Allgemeinmediziner und implementiere Beratungsmodelle wie die gemeinsame Entscheidungsfindung. Keine andere Spezialität bringt Sie in eine so enge soziale Nähe zu unseren Patienten und ihren Familien. Diese werden ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens eines Hausarztes. Wir begleiten Menschen über viele Jahre ihres Lebens und gehen mit ihnen durch dicke und dünn unter Wahrung der erforderlichen therapeutische Distanz. Ich finde das der lohnendste Aspekt des Jobs.
    • Management und andere Rollen: In der Allgemeinmedizin fühle ich mich im Vergleich zu meiner Zeit als Chirurg stärker in die Leitung von Praxen (Gestalten) und die Durchführung von Patientendiensten (zB Organisation von Notdiensten) involviert. Ich befand mich von 2016 bis 2019 in einer Führungsrolle in der Primärversorgung und genoss es sehr, die Möglichkeit zu haben, unsere lokalen Gesundheitsdienste wie Notfallversorgung und Notdienste zu organisieren und als niedergelassener Arzt für eine „Primary Care Network (PCN)“ zu Arbeiten. PCN heißt eine Zusammenschluss von 10 oder mehr Praxen mit über 100.000 Patienten, die für alle Aspekte die Patientenversorgung volle Verantwortung haben. In meiner Rolle als GP-Trainer und Mentor war ich auch daran beteiligt, Medizinstudenten zu unterrichten und Assistenzärzte weiterzubilden und sie auf ihre Facharztprüfungen vorzubereiten.

    Warum tätig sein in Deutschland?

    Meine Leidenschaft ist die Oper und ich bin ein ausgebildeter und professioneller Opernsänger. Seit 2012 führten mich meine Auftritte durch Deutschland und ganz Europa. 2019 ergab sich für mich die Gelegenheit, wieder am Freiburger Theater zu singen. Gleichzeitig habe ich beschlossen, mich hier als Allgemeinmediziner registrieren zu lassen.

    Ich hatte bereits Erfahrungen mit der Arbeit im Ausland in Krankenhausabteilungen in den USA und in Frankreich gesammelt. Daher war mir die Idee, mich als Allgemeinmediziner in Deutschland niederzulassen, nicht ganz fremd.

    Dieser Prozess war lang, mit vielen Unklarheiten und viel Bürokratie verbunden. Es gab einen deutlichen Mangel an Online-Anleitungen für EU-Ärzte, wie man sich hier registrieren lässt, wie das Verfahren war und wie viel und wie lange der Prozess dauern würde. Ich stellte fest, dass es keine einzige Website gab, die Informationen für ausländische Ärzte bereitstellte, und als ich Informationen wie PDF-Formulare zum Herunterladen fand, handelte es sich entweder um fehlerhafte Links oder um mehrere Websites.

    Es gab auch unterschiedliche Informationen von der Bundesregierung, der Landesregierung, der Bezirksärztekammer und der EU betreffs der Anerkennung ausländischer akademischer Titel.

    Warum Südbaden Life?

    Südbaden Life (SBL) ist gut aufgestellt um ausländische Ärzte aus EU- und Nicht-EU-Ländern zu unterstützen die hier arbeiten möchten. SBL bietet die Möglichkeit, ausländische Ärzte durch einen einheitlichen Anmelde-, und Anerkennungsprozess zu unterstützen, durch die Implementierung einer eigenen Website oder eines Informationsportals mit Links zu den Ärztekammern zu den verschiedenen Stellen und Körperschaften.

Veröffentlicht in Aktuelles, Interview.